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Gedanken zum Einsatz am 13.03.1999 PDF Drucken E-Mail
Einsätze

Alarm! Der Piepser gibt sein durchdringendes Signal frei.

Raus aus dem Bett, rein in die immer bereitliegenden Klamotten. Während des Anziehens kommt die Durchsage: "02.34 Uhr, Verkehrsunfall mit eingeklemmter Person auf der BAB A3 Fahrtrichtung Frankfurt, kurz nach der Anschlussstelle Altfeld". Jetzt aber ab die Post. Die Frau stellt die Schuhe bereit und hält die Eingangstür auf. Ein schneller Kuss und die Ermahnung "sei vorsichtig" und schon geht's von den Gemeindedinger ins Dorf. Kreuzwertheim schläft, kein Auto unterwegs. Ankunft am Gerätehaus. Das Tor ist schon auf und das Licht ist an. Schnell in die Hose und die Stiefel. Helm, Handschuhe und Jacke unter den Arm und rein ins Feuerwehrfahrzeug. Laut wird die Anzahl der Feuerwehrmänner gezählt "7,8,9" voll. Abfahrt. Blaulicht an und ohne Martinshorn geht es durch das ruhigschlafende Kreuzwertheim. Es muss ja nicht das halbe Dorf wach werden. Funkruf an die Leitstelle Marktheidenfeld: "Florian Kreuzwertheim 40/1 ausgerückt". Noch immer kommen uns Fahrzeuge mit Feuerwehrmännern entgegen, auch Sie auf dem Weg ins Gerätehaus in der Erwartung benötigt zu werden.

Während der Fahrt zum Einsatzort schnell noch Jacke an und Helm auf. Aidshandschuhe nicht vergessen. Die Mannschaft legt sich auf Ihre Tätigkeiten fest. "Wer macht Beleuchtung? Wer die Verkehrsabsicherung, den Brandschutz und natürlich die Menschenrettung?" Der Gruppenführer vergewissert sich bei der Leitstelle dass die Fahrtrichtung Frankfurt auch richtig ist. Da ist auch schon die Auffahrt. Uns allen gehen jetzt natürlich viele Gedanken durch den Kopf, was uns wohl erwartet. "Mann, Frau oder Kind oder umherirrende Menschen. Körperlich unverletzte oder schwerverletzte Personen, schreiend, wimmernd oder ruhig, den letzten Seufzer schon getan". Jetzt meldet sich auch unser Kreisbrandinspektor: "Eintreffen Einsatzstelle". Zwei Minuten später werden wir von unserem Kreisbrandinspektor eingewiesen. "Absitzen".

Ein PKW ist mit hoher Geschwindigkeit auf einen Tanklastzug mit Anhänger, der mit der Zugmaschine über der Leitplanke hängt, aufgefahren. Durch den Aufprall wurde der Hänger um 180 Grad herumgewirbelt. Ein Blick in den PKW sagt uns genug. Der Fahrer ist trotz Airbag an seinen fürchterlichen Kopfverletzungen sofort verstorben. Gleichzeitig treffen die Kameraden von der Feuerwehr Marktheidenfeld und dem Roten Kreuz ein. Ausleuchten der Einsatzstelle. Gemeinsam warten wir auf den Sachverständigen, Beerdigungsinstitut und das Abschleppunternehmen. Auf der Gegenfahrbahn die ersten Gaffer. Männer bekommen Stielaugen und Frauen halten sich vor lauter Entsetzen die Hände vors Gesicht. Der verstorbene PKW-Fahrer wird aus dem Auto geborgen. Um ihm seine Würde zu belassen, halten Feuerwehrleute Decken als Sichtschutz vor den Toten und decken ihn im Sichtschatten eines Feuerwehrfahrzeuges zu. Plötzlich klingelt das Autotelefon des Toten. Ist es die Ehefrau oder der Chef? Wer geht ran? Keiner. So eine schlimme Nachricht sollte nicht über das Telefon übermittelt werden. Da müssen geschulte Polizisten den traurigen Gang zu den Angehörigen gehen. Bestimmt keine leichte Aufgabe.

Zur Bergung der Zugmaschine müssen die Mittelleitplanken entfernt werden. Ein gefährlicher Job, da sie unter Spannung stehen und bei einem unkontrollierten Schlagen schnell einen Feuerwehrmann verletzen können. Aber gemeinsam mit den Kameraden aus Marktheidenfeld haben wir diese Aufgabe schnell geschafft. Und das alles im Bereich der Gegenfahrbahn, auf welcher mit menschenverachtender Geschwindigkeit an uns Feuerwehrleuten vorbeigefahren wird. Das Abschleppunternehmen ist da. Professionell geht die Bergung des LKWs über die Bühne und innerhalb kürzester Zeit sind Zugmaschine und Anhänger an das Abschleppauto angehängt. Der PKW steht schon auf einem Abschleppfahrzeug bereit zur Abfahrt. Die Polizei drängt auf Öffnung der Fahrbahn. Schnell noch Erde und Ölbindemittel aufgekehrt und schon wird die Fahrbahn freigegeben. Wütende Blicke der Autofahrer, Kopfschütteln der Beifahrer als hätten wir ein Picknick mit Kaffeepause auf der Autobahn getätigt. Jetzt aber aufgesessen und nach Hause.

Jeder einzelne hat seine eigene Art mit dem Erlebten fertig zu werden. Der eine still und in sich gekehrt, der andere durch seine lockere, lustige Art zum Lachen. Über Rohrbrunn ins heimatliche Gerätehaus. Abmelden bei der Leitstelle. Es ist 08.52 Uhr der Einsatz dauerte trotz allem über 6 Stunden bei unfreundlichem kalten Wetter. Endlich zu Hause bei der Familie. Erzählen und gleichzeitiges Verarbeiten des Erlebten.

Und jetzt? Warten auf den nächsten Einsatz und nachdenken über den Satz eines Kreuzwertheimer Gemeinderates:

"Wollen oder müssen wir (die) auf die Autobahn?"

Wir müssen,             weil Menschen auf unsere Hilfe hoffen, wenn Sie in einer Notlage sind.

Wir wollen,

weil wir uns der Hilfe unserer Nächsten verschrieben haben und auch bereit sind unsere eigene Gesundheit und unser Leben einzusetzen ganz im Sinne unseres Leitspruches

Retten - Löschen - Bergen - Schützen.

Heute, morgen oder irgendwann.
24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr.

Siegfried Hopf, FF Kreuzwertheim